„Fische mit langen Beinen“

28.12.2013

Graphothek der Stadtbücherei Holzminen, 27. Juli 2013

Wie sie sehen habe ich einen Walkingstock dabei, nicht weil zu Fuß aus Lippe zu Ihnen kam, sondern weil ich mir das Knie verletzt habe. Ich wohne seit 13 Jahren auf einem Bauernhof im kleinen 300 Seelendorf Sommersell bei Detmold. An einem Hangstück meines Grundstückes bin ich schlichtweg beim Rechen umgeknickt. Daher der Walkingstock. Damit müssen sie heute vorlieb nehmen.

Da man in Lippe einen Orthopäden-Termin erst nach Wochen bekommt, wird sich dieser Zustand wohl auch noch eine Zeit so halten. Zumal wenn man wie ich einen Artzt bevorzugt der seine Doktorarbeit nicht am Kopiergerät verfertigt hat. Ein weiterer Grund warum ich diesen Stock dabei habe ist der, dass sich in dem 300 Seelendörfchen in dem ich hause dienstags und donnerstags in schöner Regelmäßigkeit ein Schauspiel bewundern lässt. Die drei Jungbäuerinnen des Dorfes gehen, solche Stöcke gemächlich hinter sich herschlurfend durch den am Dorfrand beginnenden Buchenwald. Das nennt sich "Nordic Talking", denn sie schwatzen unentwegt und halten oft inne um ein Gespräch zu vertiefen. Jedenfalls kann man sie 500 m eher hören als man die Damen sieht. Daher dachte ich, dass so ein Stock vielleicht nicht nur gut ist mein angeschlagenes Bein zu entlasten, sondern auch meinen Redefluss unterstützen kann.

Da ich jetzt merke, dass sich einige von Ihnen fragen, was der Herr da eigentlich erzählt, nenne ich ihnen lieber schnell den letzten Grund warum ich diesen Stock dabei habe. Er diente mir als Aufhänger. Denn wie sie der Einladung entnommen haben sind die heute zu sehenden Arbeiten Michael G. Müllers Collagen. Und in den letzten zwei Minuten habe ich nichts anderes bezweckt als das in Ihren Köpfen eine Collage entsteht. Sie alle kamen einen unterschiedlichen Weg hierher in diesen Raum. Jeder von Ihnen hat sich umgesehen, sich verortet. Jeder von Ihnen hat die anderen Besucher wahrgenommen aber sich selbst nicht. Jeder von ihnen hat dann den Herrn gesehen, der sich offensichtlich anschickt hier eine Rede zu halten.

Jeder von ihnen hat sich einen Bauernhof in Lippe vorgestellt auf dem dieser Herr Rasen rechend sein orthopädisches Schicksal besiegelt. Jeder von ihnen hat einen Arzt am Kopierer gesehen und die meisten von ihnen hatten auch kurz das Bildnis Karl Theodor von/über/hinter/zu Gutenbergs vor Augen. Und jeder von Ihnen hat drei junge Bäuerinnen parlierend durch den Buchenwald gehend als Vorstellung generiert.

Das ist das Prinzip einer Collage. Aus Fragmenten werden Bilder erzeugt, in Zusammenhänge gestellt und Realitäten erzeugt. Dieses Prinzip ist für uns lebenswichtig um uns in der Welt zu orientieren. Jeder von Ihnen hat dieselben Worte gehört, aber jeder von Ihnen hat andere Bilder gesehen. Der Grobrahmen ihres Realitätskonstruktes ist gleich aber die Substanz ist verschieden. Es gibt so viele unterschiedlich Bauernhöfe, Ärzte und Bäuerinnen wie hier Personen im Raum sind. Jeder von ihnen assozierte anderes bei gleichem, identischen Input. In gleicher Weise funktioniert die Collage. Das ist ihr faszinierendes Wirkschema.

Mit diesem Wirkschema arbeitet Michael Müller. Michael Müllers Arbeiten haben literarisch klingende Titel "Arena der Begehrlichkeit",  "Bon Voyage ", "Die Geburt der Erfahrung", "Technik des Vergessens" oder "Der falsche Moment". Wer diesen Arbeiten gegenübertritt spürt den morbiden Hauch des Vergangenen und eine ungeheure Frische. Die von Müller gewählten Titel stoßen etwas im Betrachter an. Das ist ganz bewusst so kalkuliert. Müller löst stets zwei drei Prozesse gleichzeitig bei den Betrachtern aus:
1. Neugierde wird geweckt. Neugierde die Mutter des Forschertriebs treibt den Betrachter in den Bildraum hinein.
2. Assoziationen entstehen und werden zeitgleich mit dem Titel abgeglichen.
3. Verunsicherung macht sich breit und diesen Punkt strebt M.G. Müller ganz gezielt und gekonnt an.

Da schwingt eine Trapezkünstlerin im Raum. Das erkennen wir leicht als mediales Versatzstück aber die Bahn ihres Schwungs führt sie nicht etwa in eine Zirkuskuppel. Nein sie schwingt der Oberfläche eines handgeschriebenen Briefes entgegen. In diese brennt sich im selben Moment ein Loch ein und wir sehen durch das Brandloch schauend, einen feschen Jäger mit Gamsbart am Hut. Einer von diesen schaurigen, lodenträchtigen Gutmenschen im Ganghofer-style.
Doch in dem Moment, in dem der Betrachter dieses Bild erfasst,… kippt auch schon die Szenerie. Der Gutmensch gerät in die Voyeurs-perspektive, der Betrachter ertappt sich selbst,… alles gerade erfasste Sichtbare kippt ins Ungewisse. Gerade waren wir noch dessen sicher,…. was wir sehen, …. hatten festen Boden unter den Füßen, …. da wird er uns entzogen und wir stürzen ins Absurde. Und nicht nur das, wir fühlen uns dahin gestoßen, ja dazu genötigt unserer Wahrnehmung zu misstrauen, sie immer und immer wieder zu hinterfragen.

Lassen wir den Künstler selbst zu Wort kommen. Zitat Müller zu dieser Ausstellung:
Die ausgestellten Arbeiten zeigen Collagen. Die Collage, auch Klebebild genannt, entsteht durch Übereinander kleben von Materialien, wobei ein neues Ganzes geschaffen wird. Als um 1912 Braque und Picasso zum ersten Mal Papierstücke in Ihre Bilder klebten, da war das keine Weiterführung einer bis dahin doch weitgehend in spielerischer Bastelei verharrende Tradition, sondern bedeutete – auch im Bewusstsein der Künstler selbst – einen radikalen Neuanfang. Endgültig zum selbständigen Medium ausgearbeitet wurde die Collage dann vor allem von Dada-Künstlern, von Max Ernst, Hannah Höch, John Heartfield und von Kurt Schwitters.

Das ist Müllers Ausgangsbasis. Die sich zu Beginn des letzten Jahrhunderts entwickelnde Collage-Technik der Altvorderen. Und damit auch aus dieser Ansprache eine Collage wird zitiere ich wie immer gerne Wikipedia: Papier collé (französisch, „geklebtes Papier“, „Klebebild“) ist eine Frühform der Collage, die von den Künstlern Georges Braque und Pablo Picasso um 1912 entwickelt wurde.

Allerdings sind Picasso und Braque nie und nimmer die Erfinder der Collage in der Denkform. Die Form der Montage gab es auch bei den Malern der Renaissance. In anderen Kunstrichtungen finden sich collagierte Schriftstücke seit dem Mittelalter. Es war eine bescheidene Revolution die Braque und Picasso da einbrachten. Aber immerhin konnten nun simpel aufgeklebte Materialfragmente emanzipiert und gleichberechtigt neben gemalten Flächen des Bildes stehen.
Aber darum geht es bei der Collage gar nicht. Lassen wir noch einmal Michael Müller zu Wort kommen: Collage meint weniger eine bestimmte Technik als vielmehr ein grundlegendes Gestaltungsprinzip, eine Art zu denken und zu arbeiten: das "Prinzip Collage" als Form der Skepsis, der Hinterfragung herkömmlicher Bildbegriffe. Soweit der Künstler.

Collage diente immer dazu Wahrnehmungsbrüche zu erzeugen, den Betrachter zu verunsichern und ihn dazu zu bringen mit den eigenen Wahrnehmungsgewohnheiten zu konfrontieren. Collage reißt die Weltwahrnehmung auseinander und fügt sie in neuen Wahrnehmungsmustern zusammen. Daher muss sich Collage auch dauernd wandeln, duldet keinen Stilstand. Denken sie an den Merz-bau Kurt Schwitters und stellen sie die bunten Bauten Rizzis dem gegenüber.
Bert Brechts V-Effekt ist ebenso Collage-Technik. Simpel, reduziert und extrem wirksam. Es gab erstmals Handlungsvarianten im Stück, neu waren Versatzstücke aus dem Musical etc. Das dargestellte wurde verfremdet wiedergegeben um gewohnte Ordnungen zu hinterfragen. Eine ganze Generation neuer Theaterregisseure hat sich daraus entwickelt.

Das damals undenkbare ist heute Alltag. Irre schnelle Werbe-Collagen, collagierte Musikvideos die an der Geschwindigkeitsgrenze der Wahrnehmung arbeiten. Bilder über Bilder, Geräusch an Geräusch immer schneller getaktet, bis zur Sinnlosigkeit überladen  um dann doch das Wunschbild einer Überflussgesellschaft audiovisuell zu manifestieren.

Zurück zu Müllers Collagen: Müllers Collagen sind digital erstellt, digital gedruckt, digital und – collagiert gedacht. Das macht ihren Reiz aus. Er beginnt sein Arbeitsprozess durchaus in der stofflich erfahrbaren Welt, mit der liebevollen Suche nach Collagematerial in Antiquariaten und auf Flohmärkten. Oder er sammelt in der Tradition Kurt Schwitters Dinge von der Straße auf die er zu Kunst erhöht. Alte Prospekte, Werbematerial, historische Gebrauchsgrafik sind das Objekt seiner Gier. Dieses Material wird erstmal angesammelt und sollte ein gewisses Alter haben. Wichtig ist ihm immer "der morbide Charme des Vergangenen, der durch die graue, beige und braune Farbgebung erzeugt wird", sagt Müller. Dabei ist ist ihm diese Sammelleidenschaft ein wichtiger und wenn auch spielerischer Teil seiner Arbeit.
Dann, langsam…. vollzieht sich ein Wandel in seinem Schaffensprozess. Spielt zu Anfang der Zufall bei der Komposition eine Rolle, bringt sich in der Folge ein narratives Element in sein Schaffen ein. Und spätestens jetzt übernimmt Müller stringent die Regie. In sein Denken dringen eigene Erinnerung und der künftige Betrachter ein, geben eine Richtung vor und dann: wird gestaltet und gefeilt – bis die Sache "a point" ist.

Nun sind wir am Ende der Rolle des Gestalters angelangt. Michael Müller zieht sich dezent zurück. Kunstwerk und Betrachter hat er geschickt an einer Stelle zusammengeführt. Nun gibt er beide der Interaktion Preis. Erstaunen entsteht, Bilder fügen sich zu Geschichten, Zweifel kommen auf oder derdiedas Zusammengeführte löst sich in Humorigem auf.
Das liegt nicht mehr in seiner Hand und ganz bewusst tritt Müller einen Schritt beiseite. Denn eines ist ihm wichtig. Die Freiheit des Betrachters zu wahren sich in jedem Moment für seine eigene Deutungsversion des Gesehenen entscheiden zu dürfen. Darum sind seine Blätter so offen gestaltet, die Farbigkeit so reduziert. Nichts soll zwingen, nichts soll erdrücken. Jedes Blatt verführt den  Betrachter zu einem mentalen Spaziergang. Und jeder von wird seine eigenen Assoziationen und Erinnerung als "Belle-Vues" auf diesem Spazierweg finden.


Thomas Tigges

1. Vorsitzender der Kunstkreises Holzminden
im Juli 2013

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